Artikel, März 2015

Wie Coaching die Führung von Verwaltungsräten unterstützt

Investoren, Regulatoren und andere Stakeholdern hinterfragen heute die Führung von Verwaltungsräten mit mehr Wachsamkeit, forscherem Blick und genauerer Prüfung. Eine effektive Führung im Verwaltungsrat ist daher wichtiger geworden.

Effektive Führung zeigt sich schon in der Zusammensetzung des Verwaltungsrats

Gemäss PwC’s 2014 Annual Corporate Directors Survey ist ein wachsender Prozentsatz von Verwaltungsräten zufrieden mit der Zusammensetzung des VR. Diesbezüglich ist bereits viel investiert worden – mit offensichtlich zufriedenstellenden Ergebnissen. PwC stellt fest, dass der Prozentsatz an Verwaltungsräten, welche diesem Aspekt noch mehr Zeit und Aufmerksamkeit widmen möchten, gesunken ist. Im Zentrum des Interesses steht vielmehr die Führung des VR.

Wo kann die Führung von VR noch effektiver werden?

  1. Vision und Strategie sind laut PwC nicht immer genügend effektiv. Zwar zählen Strategie und strategische Planung nebst IT-Risiken zu den Topthemen, für die VR-Präsidenten und VR-Mitglieder sich Zeit nehmen. Doch PwC ortet Führungsbedarf aufgrund der Erkenntnis, dass aktuell nur 30% der VR-Präsidenten Trends antizipieren.
  1. Vertrauen und Zusammenarbeit im Verwaltungsrat sind gemäss PwC für ein Drittel der Verwaltungsräte noch nicht zufriedenstellend. Dieses Drittel bemängelt:
  • die Qualität der Führung durch den VR-Präsidenten
  • die mangelnde Fähigkeit des VR-Präsidenten, dem CEO als Soundingboard zu dienen
  • die ungenügende Berücksichtigung von Perspektiven einzelner VR-Mitglieder
  • die schwierige Herbeiführung von Konsens.

Ein knappes Viertel der Verwaltungsräte zweifelt an der Fähigkeit des VR-Präsidenten, den Respekt der anderen Verwaltungsräte zu gewinnen und behalten (vgl. Seite 9 und 11 PwC Survey). Zudem hebt PwC die Einschätzung jährlicher Selbstevaluationsprozesse hervor (siehe PwC’s 2014 Annual Corporate Directors Survey):

70% der Verwaltungsräte finden es schwierig, frank und frei ihre Meinung zu äussern. Über 60% sehen in der Selbstevaluation blossen Selbstzweck, obwohl viele von ihnen gleichzeitig angeben, jährliche Verwaltungsrats- und Committee-Evaluationsprozesse zu nutzen, um ihre Leistung zu beurteilen und zu optimieren.
Ausgangslagen, die ein Coaching der Verwaltungsratsführung nahe legen

  • Durch Gründung AG oder durch Ablösung Trägerschaft oder bei Neuwahl von mehreren VR-Mitglieder – wenn die Zusammenarbeit noch jung und die Verwaltungsratsroutinen noch nicht eingespielt
  • Belastete Zeit des VR z. B. absorbiert durch besondere Arbeit verschiedener Ressortdepartements oder sich schnell veränderndes Marktumfeld

Wie kann Coaching die Führung von VR unterstützen?



1. Verbesserung der Kommunikation…………
„Gewünschte Diversität im VR bedeutet, mit unterschiedlichen Kommunikationsstilen umgehen zu können.“ Vor allem in heterogen zusammengesetzten Verwaltungsräten, welche sinnvoll sind, um ein breit gefächertes   Know-how einzubringen, agieren die Mitglieder aufgrund ihrer Erfahrung in unterschiedlichen Märkten sehr verschieden. Vielleicht sprechen sie gar unterschiedliche Sprachen oder interpretieren einzelne Begriffe anders.Hier ist ein genügend hohes Grundniveau des Beziehungs- und Kommunikationsfluss sicherzustellen, sodass bei schwierigen Themen und erschwerter Kommunikation der Spiegel zwar absinken kann, der Fluss jedoch nie ganz versiegt.
2. Stärkung der Motivation „Vertrauen ist ein Schlüssel zum Erfolg“ Die Reserviertheit zwischen Verwaltungsräten aufgrund der Tatsache, dass man noch nie zusammengearbeitet hat, kann gelockert werden. Eine Atmosphäre von Respekt und Zusammenhalt kann verstärkt werden.Das Commitment aller Verwaltungsratsmitglieder zum Coaching zeigt, dass ein Wille vorhanden ist, in Erfolg zu investieren. Verwaltungsräte sind motivierter, wenn sie Vertrauen in ihre Peers haben und von diesen ein Teamwork erwarten können, das anerkannt und geschätzt werden wird. Vertrauen ist ein Schlüssel zum Erfolg.
3. Steigerung der Produktivität
„Erst Glück inspiriert zu Produktivität“ Die Forschung postuliert schon länger, es gehe nicht darum, härter zu arbeiten, um mehr Erfolg zu haben und darüber dann glücklich zu sein – im Gegenteil. Die Formel müsse umgekehrt werden: Erst Glück inspiriere zu Produktivität wie der TedTalk von Shawn Achor weiter unten unterhaltsam veranschaulicht. Nur 10% des langfristigen Glücks sind vorhersehbar. 90% werden nicht durch externe Faktoren bestimmt, sondern durch die Art, wie das Hirn Eindrücke und Informationen verarbeitet. Ferner werden nur 25% des Erfolg bei der Arbeit durch IQ-Leistung bestimmt, 75% sind abhängig vom Ausmass an Optimismus, sozialer Unterstützung und der Fähigkeit das Glas halbvoll und nicht halbleer zu sehen. Das Gehirn, so die aktuelle Forschung, leiste in positivem Zustand mehr als in negativem, neutralen oder gestressten Zustand. Wenn wir also einen Weg finden, optimistisch im Augenblick zu sein, arbeitet unser Gehirn besser.

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TedTalk Shawn Achor, The Happy Secret to Better Work
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Ein Fallbeispiel in 8 Schritten

Schritt 1: Ausgangslage

Der Verwaltungsrat hat sieben Mitglieder, vier davon sind neu gewählt. Der letzte Präsident hat sich führungsmässig zunehmend verabschiedet, der neue Präsident ist vom Profil eines Super-Achievers. Der Verwaltungsrat weist eine hohe Diversität an Erfahrungshintergründen auf; im Verwaltungsrat gibt es Rösti- und Polentagraben sowie unterschiedliche Versiertheit in der englischen Sprache.

Schritt 2: Vorgehen 

Vor dem halbtägigen Workshop wird mit allen Mitgliedern ein telefonisches Interview von einer halben Stunde geführt. Aufgrund der Erkenntnisse dieser Interviews wird die Agenda zusammengestellt.

Schritt 3: Gemeinsames Verständnis von Vision und Strategie klären

Zunächst wird die Klarheit von Vision und Strategie für alle überprüft. Die Frage ist, ob und wie genau die Strategie des vorherigen Verwaltungsrates weitergeführt oder ein Strategiewechsel in Betracht kommt. Der VR entscheidet sich für Kontinuität und insbesondere für die Wichtigkeit einer frühen Nachfolgeplanung als Prozess.

Schritt 4: Effektive Zusammenarbeit im VR stärken

Zur Stärkung einer effektiven Zusammenarbeit brechen dann zwei Team- und eine Visualisierungsübung das Eis – alles dauert nicht länger als eine Stunde-, vor allem werden diejenigen Verwaltungsräte angeregt, als Paar zusammenzuarbeiten, die sich bislang am wenigsten gekannt haben. Die eine Teamübung zeigt, dass zu viel (gut gemeinte) Führung und Anweisung auch hinderlich sein kann, dass Flow entsteht, wenn man los- und Vertrauen zulässt; ferner dass das gemeinsame erste Erfolgserlebnis enorm wichtig ist: Es zu erleben, macht mutig. Als Nebeneffekt solcher Übungen ergibt sich schliesslich, dass die Verwaltungsräte einander beobachten und registrieren: ah, so tickt der, aha so reagiert diese.

Schritt 5: Prozessrollen und Verantwortlichkeiten klären

Zum Ende des Nachmittags klärt der VR Prozess, Rollen- und Verantwortlichkeiten und diskutiert über die Matrix in der Führung. Er definiert die Ressortstruktur mit Lead und Supportfunktion pro Ressort – ohne Kommittees, ausschliesslich über Projekte geführt.

Schritt 6: Modus Operandi definieren

Eine Schlussrunde zum Modus Operandi schafft Klarheit: So schreiben wir Mails, so laufen effektive Sitzungen inskünftig ab, so sieht das Protokoll aus, soviel Reflexion und Feedback zum Schluss jeder Sitzung planen wir ein, diese Telefonsitzungen machen wir zwischendurch. Bei der Ablage werden Vorteile und Nachteile der elektronischen App diskutiert.

Schritt 7: Externe Moderation oder Shadowing

Am nächsten Morgen findet die erste Verwaltungsratssitzung statt, auf Wunsch mit einem Shadowing – der anwesende Coach beobachtet „wie ein Schatten“ das Geschehen, wirft manchmal ein, ob der Fragende auch eine Antwort zur Frage erhalten hat, oder ob der Antwortende den Eindruck hat, ihm werde zugehört. Dabei werden operative Agendapunkte abgearbeitet, aber auch Strategien erörtert.

Schritt 8: Resultat und Quintessenz: Wie hat Coaching die Führung unterstützt?

Die Mitglieder des VR haben sich noch besser kennengelernt. Nun müssen weniger Missverständnisse ausgeräumt werden. Der Aufbau und die Stärkung von vertrauensvollen Beziehungen schuf Goodwill gegenüber den einzelnen Mitgliedern und Vertrauen ins Team. Die Klärung des gemeinsamen Teamziels lässt eine Teamvision entstehen, schafft Guidance, gar Aufbruchsstimmung.

Fazit

Was seine Zusammensetzung angeht, zeigt sich im Verwaltungsrat schon jetzt mehr Effektivität der Führung. In Bezug auf Vision und Strategie des VR sowie in seiner der Teamzusammenarbeit gibt es jedoch noch Potential. Dieses zu nutzen, ermöglicht gemeinsame Erfolgserlebnisse.

Checkliste: Könnte Coaching die Führung Ihres VR unterstützen?



1. Können die einzelnen Verwaltungsräte die Stärken der anderen VR-Mitglieder und ihres Präsidenten benennen?
2. Welches sind drei Charakteristika, die von allen VR-Mitgliedern geteilt werden?
3. Haben Sie sog. Laserspeak-Guidelines anstelle von Unterbrechungen? D. h. sind die Wortbeiträge bei Ihnen im VR nur so ausführlich und präzise wie nötig?
4. Wie ist das Vertrauen unter den Mitgliedern? Gibt es Konflikte / Spannungsfelder?
5. Gibt es ein Teamziel?

 

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Dieser Beitrag wurde am Freitag, 20.03.2015 um 07:00 Uhr unter Beratung und Coaching, Human Resources, Leadership veröffentlicht.

Artikel auf hrundleadership.ch, Dr. Beatrice Sigrist Charbonnier

         
    
 
Dr. Beatrice Sigrist Charbonnier 
Executive Coaching

CH-8002 Zurich

Tel.: +41 79 507 74 35